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Politik
Zum ersten Todestag von Lea-Sophie: Viele gut gemeinte Ansätze – durchgreifende Reformen aber nicht erkennbarEin Jahr nach dem Tod von Lea-Sophie, der noch mehr als der Tod des kleinen Kevin in Bremen die Politiker auf Landes- und auch endlich auf Bundesebene auf den Plan gerufen hat, muss eine nüchterne Bilanz über die danach angekündigten Maßnahmen gezogen werden.
Ein kleiner Baustein für einen besseren Kinderschutz, die verpflichtende Teilnahme an den U-Untersuchungen, wird allmählich von den Bundesländern in Gesetze gefasst. Von einer flächendeckenden Umsetzung kann jedoch noch keine Rede sein. Es geht hierbei nicht darum, die Kinderärzte zum Reparaturbetrieb einer nicht funktionierenden Jugendhilfe zu machen; vielmehr geht es darum, die Nichteilnahme zu einem Anknüpfungspunkt für die Jugendämter zum Nachfassen zu machen. Eine sinnvolle aber auch überschätzte Maßnahme, die in Einzelfällen dazu führen kann, Kinder wie Jessica in Hamburg zu identifizieren. In der überwiegenden Anzahl von Fällen waren die Familien dem Jugendamt ohnehin bekannt. Wenn aber mit Hinweisen so fahrlässig wie bei Lea-Sophie in Schwerin oder Justin in Bochum umgegangen wird, helfen auch verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen nicht weiter. Die vergangene Woche im Auftrag des Bundesfamilienministeriums vorgestellte Auswertung von Tötungsfällen bestätigt nur erneut die seit Jahren bekannten und von der Deutschen Kinderhilfe mehrfach angeprangerten Defizite der Kinder- und Jugendhilfe: Die Strukturkrise der Deutschen Kinder- und Jugendhilfe ist in erster Hinsicht eine Qualitäts- und Mentalitätskrise (http://www.kinderhilfe.de/PM_071121_Lea_Sophie.pdf Das Kernproblem bleibt die unzureichende Qualität in der Kinder- und Jugendhilfe: Immer noch gibt es keine einheitlichen Diagnose- und Qualitätsstandards. Im Gegensatz zur Medizin oder Psychologie und Psychiatrie fehlt es an einer einheitlichen Sprachreglung und Benennung von Defiziten, von einer einheitlichen Vorgehensweise bei erkannten Problemen ganz zu schweigen. Während in München etwaiger Alkoholismus der Erziehungsberechtigten standardmäßig abgefragt wird, in Hamburg auch laufende Ermittlungsverfahren oder Vorstrafen zur Beurteilung einer Kindeswohlgefährdung hinzugezogen werden, ist derartig strukturiertes und standardisiertes Vorgehen in vielen Jugendämtern, beispielsweise in Berlin, immer noch der Beliebigkeit unterworfen. Jedes Jugendamt hat unterschiedliche Vorstellungen von Qualität. Die flächendeckende Ausstattung mit sog. elektronischen Fallakten – eine der Konsequenzen, die Hamburg unmittelbar nach dem Fall Jessica eingeführt hat – die zu der dringend notwendigen Transparenz und Qualitätssteigerung in Jugendämtern führt, ist nicht erkennbar. Selbst Bremen hat mehr als zwei Jahre nach Kevins Tod die Einführung zwar beschlossen, aber immer noch nicht umgesetzt. Auch die sog. freien Träger offenbaren gravierende Defizite: Handlungsanweisungen großer Wohlfahrtsverbände wie der DPWV raten Kindergärtnerinnen bei konkretem Verdacht einer Kindeswohlgefährdung dazu, stets das Gespräch mit den Eltern zu suchen und das Jugendamt nur als letzte Möglichkeit einzubeziehen. Neben der unmittelbaren Gefährdung, der sich Erzieherinnen dadurch aussetzen, ist es gerade dieses Konsensprinzip, das bei einer Vielzahl schlichtweg erziehungsunfähiger Eltern nicht greift. Nach wie vor sterben in Deutschland im Schnitt drei Kinder pro Woche. Gewalt und Verwahrlosung sind für zahlreiche Kinder Realität. Aufgrund der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise schaffen sie es nicht in die Schlagzeilen: der Fall des vor neun Tagen vom Vater erschlagenen drei Wochen alten Säuglings in Marl ebenso wenig wie die zahlreichen Kinder, die wöchentlich in Berlin und anderswo von der Polizei aus vermüllten Wohnungen geholt werden müssen. Heute hat die Staatsanwaltschaft Wetzlar, weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, die Anklage gegen die Eltern eines acht Monate alten Mädchens in erhoben, das ein bis zu seinem qualvollen Tod ein wahres Martyrium erleiden musste. Auch diese Familie wurde vom Jugendamt „betreut“, die Ermittlungen laufen noch. Die Stadt Schwerin, dies belegen die angekündigten Maßnahmen, hat die Tragweite der Krise noch nicht realisiert, denn jetzt erst soll ein „Qualitätshandbuch für die sozialpädagogischen Dienste“ in Schwerin „erarbeitet“ werden. Warum werden funktionierende Diagnose- und Qualitätsstandards, wie sie in München erfolgreich eingesetzt werden, nicht übernommen? Auch daran krankt das Jugendhilfesystem, dass jede Kommune, jeder Bezirk der Auffassung ist, eigene Wege zu gehen, statt lange Erprobtes und Bewährtes einfach zu übernehmen. Die Situation der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland ist leider immer noch als alarmierend zu bezeichnen. Es ist zwar der politische Wille erkennbar, daran etwas zu verändern. Auf der entscheidenden – kommunalen – Ebene, auf der die Jugendämter und die freien Jugendhilfeträger unmittelbar mit den Problemfamilien arbeiten, wird vielerorts weiter „gewurschtelt“ in der Hoffnung, kein „Pech“ zu haben. „Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt.“, so der abgewählte Schweriner Oberbürgermeister Claussen zu dem Fall Lea-Sophie. 19.11.2008 17:10 Diese Meldung Kollegen, Freunden oder Bekannten mitteilen: Kurz-URL: http://www.presseanzeiger.de/s_265431 zur Pressemappe von: Deutsche Kinderhilfe e.V. Email Benachrichtigung aktivieren | RSS Feed abonnieren weitere Meldungen zum Thema: Kind: MISSHANDLUNG:
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Die Deutsche Kinderhilfe, mit erheblichem Mitteileinsatz von den engagierten Familienvätern und Unternehmern Frank Hippen und Holger Klinz im Jahr 2000 gegründet, ist die nationale Kinderhilfsorganisation, die bundesweit... mehr »
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