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Ausstellung: The Great Leap - Nam Chau, Jörg Ernert, Isabelle Borges, Jens Hausmann, Fabio La Fauci, Rodion Petroff, Jochen Görlach, Eckart Hahn, Nabil El Makhloufi, Jan Muche, Wieland Payer, Nguyen Xuan Huy

The Great Leap Galerie Rothamel Erfurt Nam Chau, Jörg Ernert, Isabelle Borges, Jens Hausmann, Fabio La Fauci, Rodion Petroff, Jochen Görlach, Eckart Hahn, Nabil El Makhloufi, Jan Muche, Wieland Payer, Nguyen Xuan Huy

14. Mai - 2. Juli 2016
Artist’s Reception am 10. Juni, 19 Uhr


Zum Künstler des Titelbildes, Nguyen Xuan Huy:

Kein Ort, nirgends
Anmerkungen zur Kunst Nguyen Xuan Huys

Raum und Form

Fliegende Körper beziwhungsweise Torsi, triste Landschaften, nichträumliche Räume, Kugeln, Flügel und Insignien sozialistischer Kultur – der Fundus in Nguyen Xuan Huys Bildern ist auf den ersten Blick disparat, unzusammenhängend und offenbar sehr individuell geprägt. Allen Arbeiten gemeinsam ist eine beklemmende Atmosphäre, die den Betrachter verunsichert, ihn in seinen Seherwartungen stört.

Die räumlichen Inszenierungen wirken bühnenhaft; die Landschaften, oft in ein endzeitliches Dunkel getaucht, täuschen eine Weite vor, die vielleicht gar keinen Bestand hat. In den früheren Bildern werden die Figurationen auf eine neutrale Folie projiziert, weiß oder schwarz, und somit eine räumliche Zuordnung faktisch unmöglich. Aber auch in den neueren Arbeiten wird Räumlichkeit höchstens durch eine den Blick blockierende Wand im Hintergrund angegeben, seltener zusätzlich durch eine Abgrenzung zum Boden hin, oder der Raum versinkt im konturlosen Dunkel.

Galerie Rothamel

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Die frühen Arbeiten erzählen von seiner Heimat Vietnam. Die Distanz ist spürbar, eine Distanz, die aus der geografischen Trennung erwächst, aber gleichzeitig ist da sehr viel Nähe - home is where the heart is - die emotionale Nähe ist deutlich zu erahnen. Wie barocke Engel schweben oder fliegen die nackten Damen durch die Luft, mit verdrehten Gliedmaßen, die erst auf den zweiten Blick mißgestaltet sind. Das Erbe der nach dem großen Krieg geborenen Generationen ist ein schweres; es sind die Kinder von Agent Orange, dem entsetzlichen Vegetationsgift, das die US-Amerikaner tonnenweise als Entlaubungsmittel über dem Dschungel Vietnams abgeworfen haben und das noch Generationen später das Erbgut verändert. Trotzdem scheinen diese Engel stets bester Laune zu sein, hantieren wie in der chinesischen Oper mit viel Pathos etwa mit Hammer und Sichel und scheinen die Segnungen des siegreichen Sozialismus apotheotisch zu feiern. So viel Euphorie kann nur mißtrauisch machen, der Reigen, der dem Betrachter hier vorgeführt wird, hat mehr von einem untergründigen Totentanz als von einem Bacchanal. Die im Gesicht gefrorene Heiterkeit trägt einen giftigen Stachel.

Ritt auf dem Drachen

In der Arbeit "The Dream" (2011) sitzt eine Nackte mit Sonnenbrille und Sommerhut in einem Bauernkarren und weist sowohl auf den Betrachter (oder den malenden Künstler) und auf die Insignien der Macht des Sozialismus. Absurde Plüschtiere, etwa ein Tiger und eine Schlange, ergänzen das Personal des Karrens, Versatzstücke eines üppigen, aber auch zerstörten Dschungels in Blumentöpfen bilden eine Bühne für das Geschehen in einem schwarzen Bühenraum. Lockt hier ein falsches Paradies oder ist es die zeitgenössische Interpretation des Narrenschiffs, das uns hier begegnet?

Auch in "The Break" (2011/12) bevölkern frohgemute Nackte, die zu Zentauren (beziehungsweise zu Pegasoi, allerdings mit Hähnchenflügeln) mutiert sind, einen Dschungel, den sie mit Maschinenpistolen verteidigen. Auch hier wirkt das mehr wie spielerisches Ballett, mehr RTL-Dschungelcamp als tatsächliche kriegerische Auseinandersetzung, eine Werbung für eine Art Jurassic Park, auch das sozialistische Vaterland sieht sich mehr und mehr den Verlockungen des Kapitalismus ausgesetzt.

In "Falling" (2013) ist das Desaster komplett. In eine eher düstere Landschaft stürzen zwei Körper, von denen wenig mehr als die Beine zu sehen sind. Zwei Eimer begleiten diesen Sturz, die das Umfeld des Aufschlags in einem merkwürdig weißen Licht, das aus ihnen zu kommen scheint, beleuchten. Kugeln aus einem undefinierbaren Material schweben im Zentrum des Sturzes wie Seifenblasen. Diese Kugeln tauchen in den neueren Bildern immer wieder auf, fremde Elemente, die sich der Zuordnung entziehen, seltsame Kraftfelder oder Energiespeicher vielleicht oder auch rein formale Elemente.

Beissende Ironie trifft in Nguyen Xuan Huys Bildern auf eine hintergründig melancholische Weltsicht. Die ständige Präsenz erotischer Verlockung wird immer wieder gebrochen von latenter Gefahr - die Präsenz von Waffen, drohende Abstürze oder eine herausfordernde Leiblichkeit lassen den Betrachter unwillkürlich einen Schritt zurückweichen. Nichts ist hier oberflächlich, so sehr die Oberfläche auch betont wird. Vielerlei inhaltliche Ebenen berühren sich in den Bildern und auch aus manchmal widersprüchlichen Elementen erwächst eine komplexe, dichte und großartige Gestaltung.

Kolorismus

Die Malerei wirkt oft altmeisterlich, orientiert sich am Kolorismus des 19. Jahrhunderts, dann aber auch wieder an niederländischen oder französischen Meistern. Nguyen Xuan Huy, scheint es, saugt Malerei auf, um sie dann in seine eigenen Vorstellungen von Malerei zu verwandeln. Leicht, beinahe skizzenhaft kann diese Malerei sein, um auf der anderen Seite perfekt modellierte Körperlichkeit im Schlaglicht aus dem Dunkel zu schälen. Voll von Elementen jenseits bekannter Realität arbeitet der Künstler gezielt mit surrealen Irritationen, um zu einer größeren Dichte auf inhaltlicher Ebene zu gelangen und gleichzeitig das Primat der Malerei über den Inhalt zu betonen. Aus diesem Widerspruch festigt sich eine malerische Haltung, die viele Ansätze berücksichtigt und in vielerlei Hinsicht manchmal zu quasi-skulpturalen Kompositionen neigt, etwa in "Waiting until the meat boils III" (2014/15), einer Arbeit, in der sich pralle, kissenhafte Weiblichkeit, Gewänder, ein Hocker, eine Uhr (Hommage an Dali?) und die bereits beschriebenen Kugeln zu einer plastischen Assemblage auftürmen. Gerade bei diesem Bild denkt der kunsthistorisch Bewanderte vielleicht an Vermeer, die räumliche Situation mit Fenster auf der linken Seite, Porträt im Hintergrund (hier: ein Selbstporträt des Malers?), das Geschehen im Vordergrund.



Die farbliche Ökonomie in den Bildern Nguyen Xuan Huys ist augenfällig. In den neueren Bildern dominieren in der Regel Grau, Schwarz, Weiß, Rot und zahllose Zwischentöne. Dabei spielt das Lokalkolorit eine bedeutende Rolle, schafft die räumliche Bindung zwischen den einzelnen Teilen erst. Denn am Ende ist diese Malerei vor allem eines: Malerei.

Nguyen Xuan Huys Malerei hat sich ihren eigenen Ort geschaffen, irgendwo im Nirgendwo zwischen Vietnam und einer westlichen Kultur, in welcher der Maler heute lebt. Er hat dabei weder seine Identität aufgegeben, noch seine Wurzeln verleugnet. Er nimmt eher eine Position ein, die beide Lebensorte in der Welt einschließt und beides, Ost und West, beobachtet, kommentiert, verwandelt. Verwandelt in eine wunderbare Malerei, die sich auf ihre ureigene Art und Weise bildet, transformiert und lebt.

Martin Stather

Bilddateien:


Galerie Rothamel
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28.04.2016 15:57

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