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„Menschen mit geistiger Behinderung verlieben sich genauso wie jeder andere auch“

Steffi Schmidt (geborene Geihs), Sozialpädagogin in der Heilpädagogischen Tagesstätte der Aktion Sonnenschein und freie Journalistin, veröffentlicht ihr erstes Buch „Tina ist verliebt“. Es ist speziell auf die Bedürfnisse von Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung zugeschnitten und übernimmt damit eine Vorreiterrolle auf dem Buchmarkt.
Im Gespräch beklagt Frau Schmidt, dass ihre Zielgruppe bisher weitestgehend von literarischen Erfahrungen ausgegrenzt wurde. Außerdem erzählt sie von ihrer Arbeit mit den Jugendlichen bei Aktion Sonnenschein, wo sie seit 2004 beschäftigt ist, und warum die Erfahrung des Verliebtseins für Jugendliche mit einer geistigen Behinderung nicht sehr viel anders ist, als für die ohne Behinderung. Neben ihrer Ausbildung zur Heilpädagogin studierte die 31-jährige Journalismus und sammelte schon Erfahrungen beim P.M. Magazin und der Süddeutschen Zeitung.
Frau Schmidt, allein in Deutschland gibt es etwa 400.000 Schüler mit einer geistigen Behinderung. Trotzdem gibt es für sie kaum Unterhaltungsliteratur. Wollten Sie mit Ihrem Buch gezielt eine Marktlücke schließen?
Quelle: Buchcover Allitera Verlag

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„Ja, denn ich selbst liebe Bücher und wollte den Jugendlichen, die ich in meiner heilpädagogischen Gruppe betreue, diese Begeisterung in einem Literaturprojekt vermitteln. Dabei musste ich feststellen, dass ich kaum geeignete Texte finden konnte. Denn Jugendliche mit einer geistigen Behinderung brauchen eine möglichst einfache Sprache und einen einfachen Plot, so wie in Kinderbüchern. Aber sie interessieren sich für andere Themen. Für die Liebe, den ersten Freund – eben für die Themen, die alle anderen Jugendlichen auch interessieren. Für mich war es ein Unding, dass es für Jugendliche mit einer geistigen Behinderung kaum Bücher gibt und sie somit auch in diesem Bereich aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Das wollte ich mit meinem Buch ändern.“
Können Sie uns einen Einblick in die Geschichte geben, vielleicht eine charakteristische Szene erzählen?
„Die Hauptperson ist Tina, ein geistig behindertes Mädchen von 17 Jahren. Sie verliebt sich in ihren Klassenkameraden Paul und erlebt dabei all die Irrungen und Wirrungen, die mit der ersten Liebe einhergehen. Tina versucht, Paul für sich zu gewinnen. Aber das geht nicht sofort gut, denn Tina macht in der Kontaktaufnahme und im Umgang mit Paul einiges falsch. Sie kommt ihm viel zu nah, umarmt ihn - 2 -immer wieder ungefragt und erdrückt ihn regelrecht mit ihrer Zudringlichkeit. Zum Beispiel läuft sie ihm bis auf die Jungentoilette hinterher, was ihr ein bisschen Ärger einbringt. Doch Tina lernt dazu und bekommt von ihrer Schwester viele Tipps. Die beiden schmieden zusammen einen Plan, wie sie Paul gewinnen können. Und so gibt es zum Schluss ein Happy End.“
Ist die Geschichte inspiriert von einer wahren Begebenheit?
„Das Buch basiert nicht auf einer einzigen wahren Begebenheit, sondern auf einer Vielzahl von verschiedenen Erlebnissen. Ich arbeite nun seit über sechs Jahren mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die eine geistige Behinderung haben. Die Themen „Verliebtsein“ und „Partnerschaft“ spielen dabei immer wieder eine große Rolle. Alles, was ich im Arbeitsalltag erlebt habe, all die spezifischen Probleme, Fragen und Gedanken, ließ ich in mein Buch einfließen.“
Inwiefern unterscheidet sich das Verliebtsein unter Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung von jenen ohne geistige Behinderung? Was ist – ob Behinderung oder nicht – immer gleich?
„Eigentlich unterscheidet sich gar nicht viel. Menschen mit einer geistigen Behinderung verlieben sich genauso wie jeder andere Mensch auch. Sie spüren die Emotionen genauso intensiv und wollen der oder dem Geliebten nah sein. Anders jedoch sind die Möglichkeiten, mit den Gefühlen umzugehen. Vielen mangelt es an adäquaten Handlungsmustern, um mit Frust und Enttäuschungen zurechtzukommen. Sie wissen oft nicht, wie sie angemessen Kontakt zum ersehnten Partner aufnehmen und halten können. Ein Grund dafür sind oftmals Schwierigkeiten in der Kommunikation. Viele können ihre Gefühle und Wünsche nur unzureichend ausdrücken. Ein weiteres Problem liegt oft in der mangelnden Eigenständigkeit. Es ist schwierig, eine Partnerschaft aufrecht zu erhalten, wenn man zum Beispiel nicht mobil ist und immer einen „Chauffeur“ für Verabredungen braucht. So ist das Verliebtsein für Menschen mit einer geistigen Behinderung noch schwerer als es ohnehin schon ist.“
Ihrem ersten Buch sollen weitere folgen. Eine ganze Reihe soll jeweils aus der Sicht eines Mädchens und eine weitere parallel dieselbe Geschichte aus der Sicht eines Jungen erzählen. Welche Themen sind Ihnen wichtig in Zukunft aufzugreifen?
„Zunächst einmal ist die Geschichte auf drei Bände ausgelegt, die alle von der Liebe handeln. Der erste dreht sich um das Verliebtsein. Hier kann man lernen, wie man eine Beziehung anbahnt. Im zweiten Band soll es dann um die Partnerschaft an sich gehen. Welche Pflichten gibt es? Welche Rechte? Wie kann man sich nach einem Streit wieder versöhnen? Und wie funktioniert das überhaupt mit Sex und Verhütung? Die dritte Folge wird dann erst einmal nicht so positiv, denn hier geht es um die Trennung und den Liebeskummer. Die Jugendlichen sollen gezeigt bekommen, wie sie mit dem Gefühlschaos am Ende einer Beziehung umgehen können. Aber natürlich ist es wichtig, dass es nicht beim Liebeskummer bleibt, - 3 -sondern wieder mit einer frischen Liebe und einem positiven Ausblick endet. Damit sich alle Jugendlichen mit der Hauptperson identifizieren können, werden die Geschichten auch jeweils in einem zweiten Buch parallel veröffentlicht, das aus männlicher Sicht erzählt ist. Für den Fall, dass die Reihe gut ankommt, sind noch viele weitere Themen denkbar.“

Das Buch ist in punkto Stil, Aufbau und Darstellung speziell für Jugendliche und junge Erwachsene mit einer geistigen Behinderung geschrieben. Wo und warum unterscheidet sich Ihre Geschichte von jenen, die für Jugendliche ohne Behinderung geschrieben wurden?
„Ich habe die Geschichte möglichst einfach gehalten, mit wenigen Personen und ohne Rückblenden oder Nebenhandlungen. Auch die Sprache ist einfach, vorwiegend Hauptsätze aus leichten Wörtern. Statt mit Synonymen habe ich mit Wiederholungen gearbeitet, denn das ist für die Verständlichkeit wichtig. Außerdem habe ich die spezifischen Probleme von Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung aufgegriffen. Zum Beispiel das richtige Nähe-Distanz-Verhältnis, das für viele schwierig ist, oder auch die Probleme in der Kommunikation. Auf diese bin ich eingegangen und habe versucht, Hilfestellungen zu geben. Ich wollte die Geschichte zwar pädagogisch wertvoll gestalten, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger. Stattdessen habe ich viel mit Humor gearbeitet. Auch die Illustrationen von Friedrich Wall sind perfekt auf die Zielgruppe zugeschnitten. Er hat sie jugendgerecht, peppig und ansprechend gezeichnet, aber gleichzeitig gut erkennbar, klar und auf das Wesentliche reduziert. Das ist der Tenor des ganzen Buches: klar, einfach und einprägsam.“
Sie haben Journalismus studiert, sind nun freie Journalistin und arbeiten parallel mit behinderten Kindern und Jugendlichen. Was nehmen Sie aus den verschiedenen Bereichen Ihrer Arbeit mit?
„Für mein Buch war das die perfekte Kombination. Durch die Arbeit in der Aktion Sonnenschein bin ich überhaupt erst auf die Marktlücke aufmerksam geworden. Außerdem habe ich gelernt, was Jugendliche mit einer geistigen Behinderung beschäftigt, wie sie „ticken“, wie sie denken, was sie lustig finden, wo sie Probleme
haben und wie ich mich ausdrücken muss, um verstanden zu werden. Dazu hat mir die Ausbildung zur Journalistin das nötige schriftstellerische Handwerkszeug mitgegeben. Und natürlich konnte ich auch ein paar wichtige Kontakte knüpfen, um einen Verlag für das Buch zu finden. Denn so ein neuartiges Projekt funktioniert nur, wenn man das Glück hat, Menschen zu finden, die es unterstützen und verwirklichen.“

Bilddateien:


Quelle: Buchcover Allitera Verlag
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02.08.2012 11:13

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